Totschlag zur Versöhnung
Erstens:
Z. ist tot. Tot geschlagen. „Es hatte ja so kommen müssen“, werden sie sagen. Noch liegt er lavablutig im Schnee, und der geschundene Leib dampft aus in den Nebel gelber Bogenlampen.
Jetzt würden sie die Polizei rufen. „Kneipenschlägerei mit Todesfolge“ würde der Beamte in die Kladde schreiben. Er würde die Kollegen vom Kriminaldienst rufen, die würden einen Gerichtsmediziner mitbringen, der seinerseits den Bestatter benachrichtigen würde. So würde alles seine Ordnung haben. Sie würden Z.s Leichnam öffnen, ihn ausweiden und nichts finden, was einen - freilich von keinem je geäußerten - Anfangsverdacht begründen könnte. Nach drei Tagen würden sie die Leiche zur Bestattung freigeben. Genau so würden sie sich verhalten. Und genau so wird es sich zutragen.
Diese Scheinwerferkegel über Todesstreifen! Diese Haken schlagenden Gerippe! Die Fleischfetzen am Stacheldraht; im Wind flatternde Pergamenthäute: Fort mit den vertrauten Bildern, in denen sich Z. so opferselig eingerichtet hatte! Kein „Deutscher Herbst“ mehr; kein „Frühlingserwachen“. Nicht heute und niemals wieder. Niemals wieder „Nie wieder Gedichte nach 45“. Sütterlin aus Laserprintern; Chamois mit Wellenschnitt. Platt gemachte Feuersalamander. Lasst endlich Pompejis Leichen stinken und Spaniens Blüten blühen. Wenn‘s denn sein muss: Nine-Eleven mal.
Den Enkeln endlich „eine Chance geben“, hatte Z. sich vorgenommen. Demütig und versöhnlich sein. Das Opfertier in sich töten! In sich töten lassen. Vergangen und vergessen.
Über endlose Weiten würde er sich ergießen, sich ausbreiten wie Musik und müde erstarren zur soliden Basis für alles und alle, was Hilfe benötigte, nach Sitte und Anstand lechzte. Ja! Estrich, wollte er sein; sich der Scheußlichkeit des Wortes durchaus bewusst. Es immerfort wiederholend und durch die immer gleiche Wiederholung seiner Abscheulichkeit entkleidend. Es-Strich; Kehricht; Rip-pen-dropp und den Ortsgruppenleiter; alle draußen lassen, alles abstreifen, was modert, fault und makelt. Das Alte am Gestern vertäuen. Das Echo spiegeln des schlimmen Golgatha-Traumes an der Klinkerwand des Gewölbes. Open-Minded sein für das Gute, Wahre, Schöne im Niemals-Wieder. All dies wollte er. Will es sein und danach handeln. Es sich verbieten, dies hässliche Lied der Wiederkehr.
Bunt/
sind schon/
die Wälder!/
Gelb/
die Stoppel-Felder/
Und:/
der Herbst/
beginnt!
Diese ewige Litanei! G-tt erbarme sich meiner! Einmal nur. Heute Abend und dann immer wieder! Lass weiße Krähen hacken den rabenschwarzen Schnee! Hör den Glockenschlag der Zeit und den Muezzin als Sänger ihrer Lieder. Einmal nur! Heute Abend und dann nimmer immer wieder!
Zweitens:
Schon draußen auf der Treppe, hatte seine Frau ihm nachgerufen:
„Aber lass‘ den Juden heute mal zu Hause! Versprochen?“
„Versprochen!“, hatte er geantwortet. Und in die dunkle Nacht hinaus hatte sie ihm noch nachgefleht:
„Pass‘ auf Dich auf!“
Am Ende des Blocks zog Z. ein kabbalistisches Medititationskärtchen aus der Sammlung der 72 Namen seines Gottes, die ihm - damals in Jerusalem ein - orthodoxer Jude überreicht hatte, aus der Tasche. Und im Licht einer Straßenlaterne las er laut die fremden Worte, als wolle er das Gelübde tief in Frömmigkeit betten:
Aleph - Lamed - Daled
„Mein Wunsch, andere Menschen mit einem bösen Blick zu strafen, verschwindet. Ein Schutzschild aus positiver Energie umgibt mich und bewahrt mich vor negativen, neidvollen Blicken und den bösen Absichten der Anderen.“
Drittens:
Die Stadt, durch die er ging: Kein Ghetto. Kein Lager. Ihre Menschen: Nicht besser oder schlechter als er selber. „Du-und-Ichlinge“, so will er sie von nun an nennen.
„Und ich, Z., mitten drin in ihrer Welt. In dieser Welt“.
„Zufrieden?“, hörte er sich seine Frau fragen. „Beruhigt? Alles gut?“
Ein Leben lang hatte Z. den Juden gegeben; geglaubt, es würde ihn unverwundbar machen in diesem neuen Land.
„Dieses Deutschland tötet zwar Menschen, aber niemals einen Juden. Dazu haben diese Menschen kein Mandat. Kein Mandat mehr“, hatte er sich immer wieder versichert. Er, der doch nur Mensch sein wollte unter Menschen und damit sein Schicksal erst eigentlich besiegelte. Davor hatten ihn seine Freunde, die Realisten, immer gewarnt. Jetzt ist es beschlossen. „Es hat ja so kommen müssen“, werden seine Freunde sagen. Z. ist tot. Dabei hatte alles so versöhnlich begonnen.
„Ich, Z., - ein Christdemokrat mosaischen Glaubens“, hatte er immer gespottet, doch er war ihnen immer JDUler, jüdisch-demokratischer Unionist, geblieben; ein latenter Unterwanderer in Business-Zwirn und Weltverschwörer unter dem Kaftan. Ein Begnadeter, der es trefflich verstand, seine nächtlichen Träume mit dem Bewusstsein seiner Gnade zu nähren.
So stieg er (Z. gab schließlich immer den aufgeklärten Reformjuden) nicht trotz, sondern gerade wegen Shabbat die steile Treppe hinab in ihren Keller. In ihren Keller der Kultur.
Nicht trotz, sondern wegen Shabbat vermied er zynische Kommentare. Verbot sich: „Exotenschau“ oder „Raritätenkabinett“. Wohlwollen hatte er sich verordnet. Zeichen der Versöhnung setzen wird er; sein altes Opfertier schlachten an diesem Freitag Abend im traurigen Monat November. Erstmal für heute. Vielleicht für immer.
Viertens:
Was weiter geschah, ist schnell erzählt, und jeder ahnt den Ausgang der Geschichte:
Z. hat versagt. Lichterketten an meterlangen Kabelstrippen, die den Eingang markieren sollten, blitzen auf wie Stacheldraht. „Keller“ wurde erst zu "Cella", dann zu „Zelle“. Die Luft dünstete Karbol und verbranntes Fleisch. Hinweg ihr Sinnenmetamorphosen! Sieh die Lichtlein auf den Tannenspitzen; sieh die Kerze als Zeichen der Hoffnung, nicht als Irrlicht für den Verfolgten. Einmal nur zuhause sein. Mensch unter Menschen. Du opfergeiler Altas! Kassandragleicher Kritikaster!
Und vor allem eins, Z.:
„Halt Dein Maul, dein lästerlich-jüdisch-diskursives!“
„Ich interessiere mich doch bloß für diese Kultur, die mir so fremd geworden ist“, hatte er zu seiner Frau gesagt. „Für diese neue Kultur in diesem neuen, alten Deutschland. Ich gehe hin, höre zu und gehe wieder. Mehr nicht“, hatte er gesagt und selbst daran geglaubt. Und sie: „Wenn Du Dir das antun willst - Bitteschön!“
„Ein Jazz-Konzert wäre jetzt auch nicht übel“, dachte er, als er sich an der Kasse anstellte. „Warum denn unbedingt ‚Klezmer‘ und 'Freilach'?“
„Klezmer“ sei die traditionelle Musik osteuropäischer Juden meist bei Hochzeiten“, hatte ihm Wikipedia erklärt.
„O.k.!“, hatte Z. gesagt.
"Aber was in aller Welt ist ein Chassid? Was sind Aschkenasim und was Sephardim? Das Netz weiß immer Antwort.
„Sephardim wären mir jedenfalls lieber - wegen der vielen Russen in der Stadt!"
Der Kulturkeller würde von dieser Stadt finanziell unterstützt, stand an der Wand geschrieben. „Ist das nun ein Prädikat, eine Qualitätsgarantie oder vielleicht doch eine versteckte Drohung?"
„Halt Dein Lästermaul, Z.!“, die systemstabile Stimme im reform-jüdischen Leib.
Fünftens:
Das Trio war besser als befürchtet, und nach dem ersten Teil des Programms hatte sich Z. sogar noch zu einem höflichen Applaus hinreißen lassen. In der Pause hatte ihn ein vages Gefühl davon abgehalten, wie gewöhnlich an die Bar zu gehen, etwas zu trinken und mit einem Lehrer oder Rentner das eine oder andere belanglose Wort zu wechseln.
"Allzu demonstratives Wohlwollen wird Dir schnell als Anbiederung ausgelegt“, dachte er. „Damit ist niemandem gedient. Zu aller letzt Dir selber!“
Die Strecke über die steile Treppe hoch an die frische Luft gerät ihm zum Spießrutenlauf. Zum hirnlosen Fluchtversuch, wenn hinter jedem Konzertbesucher, der ihm entgegenkam, ein Demjanjuk lauert. Wo Z. auch hinsieht: Hinkende, schwer atmende, vom Tod gezeichnete Täter im Schafspelz: kulturell Abbitte leistend. Im Beichtstuhl ihres Kellers.
Schon vor dem ersten Klingeln saß Z. wieder auf seinem Platz. „Klezmer ist so schön! Ich mag das ganz arg!“, flüsterte eine alte Dame neben ihm - gerade so laut, dass Z. es hören musste.
Vorhang wieder auf. Jetzt: Ein paar - zugegebenermaßen dialektisch-raffinierte - Rabbinerwitze als leichte Kost. „Selbstironie ist ein unverzichtbares Merkmal der jüdischen Kultur“, flüstert die Nachbarin, und Z. blickt hinüber zum Ausgang.
Dann: irgendeine Sottise jetzt des jüdischen Kulturhistorikers Egon Friedell. „Reißen jüdische Selbstmordkandidaten auch dann noch Witze, wenn ihre Mörder schon triumphziehen durch ihr Wien?“
Endlich die schluchzende Judengeige. Z.s Glissando zum Schafott.
Galle steigt in ihm auf, heftet ihn giftgrün an den Sessel.
„Habe ich es nur mit Dummköpfen, Idioten, Ignoranten zu tun?“ Z. weiß nicht, wie lange sein Körper dem Kesseldruck der Seele noch standhalten würde.
Er weiß, dass er ein toter Mann ist. Duldsam oder offensiv. So oder so tot. Tot, wie ein Jude nur tot sein kann. Rentner, Lehrer, linksliberale Gewerkschafter seine Vollstrecker.
Jetzt nur noch das alte Lied vom Schmerz. Vom Lemminge-Leid und schicksalsergebener Jenseitserwartung. Das alte Schlachtlied vom Lamm, das sich triefend aus der Schwermut geigt.
Letzte Zugabe: „Bei mir bist Du scheen!“ Judenswing im Adenauertakt.
Der Abend ist zu Ende. „Final“, denkt Z.
„In der Tat! … So eine große, so eine wichtige Kultur“, sagt die alte Dame im Aufstehen.
„Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll niemand drin wohnen als Jesu allein“, hält Z. ihr leise entgegen.
Dann die Eruption: „Warum habt Ihr oben kein Schild angebracht: ‚Für Juden verboten!‘, schreit er über die Stuhlreihen.
„Was hält Euch noch: Tanzt doch Euren Auschwitz! Springt doch auf die Schlachttische! Schunkelt den Eichmann! Hemmungslos!“, schreit er in den Saal.
Sie treten ihm in Bauch und Brustkorb, spalten seinen Schädel, schleifen den blutenden Leichnam über den Hof hinüber zu den Tonnen.
Nur ein einsamer Penner singt Z.s altes Klagelied:
Sechstens: Das Lied von Z.

Vollstrecker hatten ihm, Z., noch am Galgen hängend, Lanzen in die Seiten gestoßen und den Klaglosen an den Beinen gezogen, bis die Wirbel knackten. Aus der Symmetrie Hunderter von Gewehrläufen hatten sie ihn füsiliert, ihm die Augen ausgerissenen. Die Hoden. Ihn, vom Galgen gezerrt, liegen lassen auf dem menschenleeren Strand. Zerstückelt und geschändet, damit er all das Gesagte beweise. Wellen hatten ihn, Z., umspielt; sich Kopf, Rumpf und Glieder erbarmt, sanft ihn geschaukelt in seiner Wiege. Gehoben und gesenkt, mal den Krähen, mal den Möwen zum Fraß, und zurückgeschwemmt an die Mauern seiner Stadt. In den leeren Augenhöhlen hatten sich Kristalle gebildet. Salz und Sonne hatten seine Knochen gebleicht, bis keiner mehr fragte, wer er denn sei, der Tote. Was ihn hierher gespült habe, diesen Toten, der fasziniert dem gnädigen Zerfall beiwohnte, den ihm die südliche Sonne und das Salz seines Meeres bescherten. Z. schüttelte den Tau vom Gefieder, der als Asche zu Boden fiel, breitete seine Flügel aus und schwang sich empor über die Mauern seiner Stadt hinüber zu den Steinen seines Hauses, das nie die Sonne sah, bis die Bagger kamen, es niederrissen und endlich Platz schufen für das Dritte. Aus Schutt und Trümmern sah er, Z., tausendjähriges Blut rinnen. Tränen und Urin. Morsche Balken stöhnten die Schmerzen totgebärender Mütter wie Blei aus Pilz und Schimmel.
Siebtens:
Der Gerichtsmediziner wird sein Ausschneidemesser zur Seite legen. Mit groben Stichen wird er Z.s Brustkorb nähen. Z.s Hände zum Gebet falten wird er freilich nicht und so den Zettel auch nicht finden, den der Tote für alle Zeiten in seiner Faust bewahrt und auf dem geschrieben steht:
Verachtet mich nicht, weil ich Euch betrogen habe.