dass es wieder...

Nimm die linke

(ganz so,

als wär‘s die schöne.

So, als wär‘s die meine,

Du Schöne)

ganz fest in deine Hand.








Es herrscht Frühlingsglaube
wenn sie ihre Pflöcke einschlagen
und auf Holz klopfen
toi, toi, toi
Damit die Spinn
ihren Staub einsammle
und träg im Luftzug baumelnd
frömmle.
Dann wird es eisern klingen,
wenn die Erde reißt,
sie Purzelbäume schlagend
wahnhaft verzagen
Dann wird wieder Efeu wuchern
noch gegen den Wind
im Bau
der Luftschlosstermiten
Um 19:30 endet der Turnus.
Und ihre Haare werden wachsen
wie Methusalem.
„Das Macht die Musik“,
werden sie sagen.








Komplizen
¡Hasta Siempre!




Wir sind das Paar,
das sich erkennt
am Klang geschlossner Türen
Im Zeilensprung
ins kalte Nass
strömt Saft aus dem Gefieder
Recht laut manchmal,
dann rittlings wieder:
vereint, entzweit, zu Vieren.
Noch stumm im Streit
beim abends mal:
erstöhnt ein Hin & Wider.








„Kunst ist - im Heute zum artefact erstarrte - Zukunft“, sagte Z. und blickte in entsetzte Gesichter. In Gesichter, die nicht entsetzter hätten aussehen können, hätte er stattdessen gesagt: „Sie alle, wie Sie hier im Hörsaal sitzen, Sie alle sind Arschlöcher!“ „Oder,“ fuhr Z. scheinbar unberührt im Vorspiel zu seiner eigentlichen Vorlesung fort, „oder haben Sie noch nie vom kulinarischen Imperativ gehört, der uns abverlangt, dass wir Gelbes immer mit Gelbem, Orangenes ausschließlich mit Orangenem kochen und das Gericht ausschließlich auf gelben, respektive orangenen Stühlen sitzend vor einer gelben beziehungsweise („sic!“, fügte Z. seiner Rede hinzu) orangenen Tafel zu uns nehmen, damit das Mahl nicht zum geschmacklichen Desaster gerät? Und ist Ihnen nicht klar, dass etwa der medizinische Fortschritt eines Tages im Wissen um das Nicht-Befolgen dieses schlichten Gebots begründet sein wird? Wissen Sie das nicht? Dann sind Sie hier ohnehin fehl am Platz.“ Blanke Entrüstung jetzt unter den gut & gerne 150 Studenten, die jeweils montags und mittwochs, 12 Uhr, c.t., regelmäßig Z.s Vorlesungen geradezu stürmten; besser: Z.s Verbalejakulationen beiwohnten, die über alle Fakultätsgrenzen hinaus in der Stadt längst Legende waren. Doch so etwas, so etwas „Abgedrehtes“, hatten sie selbst von Z. bisher noch nie zu hören bekommen. Und es sollte noch dicker kommen. Spätestens in der Phase seiner einführenden Worte, als Z. anfing, über die Lüge als der „anderen Möglichkeit von Wahrheit“ zu schwadronieren, ohne auch nur mit einem Wort Friedrich Nietzsche erwähnt zu haben, machte sich im Hörsaal deutlich Unmut breit. „Ich bemerke, ich sollte mich präzisieren und Sie - wie es inzwischen ebenso hässlich wie begrifflich unzutreffend heißt - dort ´abholen`, wo Sie sich gerade befinden: nämlich im bemitleidenswerten Zustand der grenzenlosen Ignoranz!“ Einigen Studenten ging diese heutige Tirade dann doch zu weit. Aus Unmut wurde offener Protest. Manche erhoben sich, dass die Sperrholzsitze, die an alte Kinobestuhlung erinnerten, lautstark gegen die ebenfalls hölzernen Rücklehnen knallten; andere flohen das Gestühl, als wäre im Hörsaal ein Feuer ausgebrochen. Einer, ein wahrhaft Kleiner, pfiff gar durch die Zähne. „Bravo! So lieb‘ ich das, Ihr erbärmlichen Wichser! So lieb‘ ich Euch!“, hauchte Z. ins Mikrophon, beugte sich über das Pult und installierte kunstsinnig seinen schmächtigen Körper, als wolle er gleich ein großes Geheimnis, gewichtig wie die Lösung des letzten Menschheitsrätsels, verkünden. Aber nichts dergleichen geschah. Z. sagte nur: „Arschlöcher! Wohlgemerkt: Ich meine diejenigen unter Ihnen, die jetzt immer noch auf denselben sitzen.“ Noch immer über sein Pult gebeugt, die Lippen ganz dicht am Mikrophon, zischte Z.s Stimme jetzt in den Saal: „Weil ich mich erwiesenermaßen nicht als ein solches betrachte, liebe ich alle Arschlöcher! Ich denke, ich sollte nun in meinen Gedanken fortfahren dürfen.“ Die Z.-Gemeinde war mittlerweile auf eine Hand voll erschrocken Unerschreckbarer zusammengeschmolzen. „Rücken Sie doch näher“, sagte Z., „damit wir uns besser in die Schweinsäuglein schauen können! Endlich sind wir ganz unter uns!“ Ein Erstsemester, ein Mädchen, noch ganz gezeichnet von den ihr abverlangten Verrenkungen der Schulzeit, zeigte zögerlich auf. “Wenn Sie pissen müssen, dann gehen Sie einfach raus!“, fuhr Z. sie an. „Wir sind doch hier nicht beim BDM.“ Das Mädchen behielt Platz, rutschte mit dem Po ganz nach vorn an die Stuhlkante, zog den Reissverschluss ihrer Hose auf, zog Hose & Slip über die Knie, diese wiederum hoch bis über die Ohren und pisste Z. eine gelbe Spirale entgegen. „Endlich verstehen wir uns“, sagte er erleichtert, setze die Brille wieder auf und die Vorlesung fort. Z. war kein Provokateur. Z. war Zyniker. Z. war ein Kunstwerk. Nicht äußerlich, den Z. kleidete sich eher elegant wie ein Vertreter der alten Schule, ließ regelmäßig die schütteren, grauen Haare schneiden und polierte jedes Mal die Schuhe, bevor er den Hörsaal betrat. Auf diese Akribie angesprochen, pflegte er zu antworten: „Ich mache das aus Respekt gegenüber meinen Schülern.“ In solchen Fällen sagte Z. gewöhnlich nicht nur; Z. pflegte dann zu sagen. „Kunst ist im Heute zum artefact erstarrte Zukunft, hatte ich zu Beginn dieser Vorlesung in den Raum gestellt. Jetzt, da wir so zu sagen unter uns sind, füge ich dem hinzu: Kunst ist das Medium, das Das Künftige (denn so will ich Zukunft nennen), in Der Gegenwart konkret werden lässt; sie ist somit ein re-aktiver Prozessbeschleuniger. Vergessen Sie alles Gerede von Kunst als Seismogramm und dem Künstler als dessen Schreiberling. Kunst ahnt nichts voraus; sagt nichts voraus; Kunst ist voraus. Eine Kunst, die nicht Agent der Zukunft in der Gegenwart ist, ist nicht Kunst, sondern Dekor und zugleich Apologet der Gegenwart.“ Der kleine Kreis von Studenten, der sich um Z.s Katheder geschart hatte, verfiel in tiefes Nachdenken, bis ein junger Mann, den Z. nie zuvor in einer seiner Veranstaltungen gesehen hatte, endlich das Wort ergriff. Der junge Mann erhob sich bedächtig aus dem Schneidersitz, dachte noch einen Moment lang nach, schaute Z. tief in die traurigen Augen und sagte: „Vorausgesetzt, Sie stehen auch heute noch zu dem, was Sie uns in der vergangenen Woche referiert haben, dass nämlich Kunst, wie Sie damals sagten, die Erkenntnis sei im begriffslosen Raum und das Kunstwerk ihre Sprache, wie kann es dann sein, dass die so genannte begriffslose Erkenntnis der Zukunft - wie Sie heute sagen - aus der Gegenwart heraus Gestalt annimmt? Das Kunstwerk besitzt doch immer Gestalt: Ob nun in Form von Wörtern, Stein, Papier oder sonst eines Materials …“ Z. schluckte trocken, auch wenn es naturgemäß nicht sein Stil war, Affekten oder Emotionen freien Lauf zu lassen. Doch es war dies nicht das Schlucken des Nachdenkenden. Es war das Schlucken dessen, der sich ertappt fühlt. Des betroffen Betretenen. Des um seine Autorität Betrogenen. Und bevor er noch eine rhetorisch möglichst galante Rechtfertigung konstruiert hatte, fuhr der junge Mann auch schon fort: „Wie passt es dann zusammen, dass Kunst sich Ihrer Auffassung nach als kondensierte Zukunft in der Gegenwart manifestieren soll, Kunst andererseits aber der Ausdruck sei einer begriffslosen Erkenntnis? Sie selbst haben doch Wittgenstein zitiert, der sagt, dass begrifflich nicht gefasste Phänomene sich jeder menschlich-physikalischen, also der Erkenntnis durch optische Wahrnehmung, beharrlich entziehen? Anders ausgedrückt: dass das, was keinen Namen hat, für uns Sterbliche schlicht nicht existiert?“ Z. war diesmal auf eine passende Antwort vorbereitet. Und diese einzig möglich Antwort war er selbst; er, Z., seine einzige „Raison d‘Être“. Schon bei dessen erster Einlassung hatte er es dem jungen Mann angesehen, dass es sich in seinem Fall um keinen leichten Gegner handeln würde. Und dass er Gegner war, darin bestand für Z. kein Zweifel. „Sie konstatieren damit ein Paradoxon“, sagte Z. betont überlegt. „Ein Paradoxon freilich, das sich angesichts unseres beschränkten Kausaldenkens nur deshalb als solches zu erkennen gibt, weil uns eine nicht minder simple Methode fehlt, es zu lösen.“ Z. glaubte, den lästigen Kritikaster damit erledigt zu haben. „Schlichtes Kausaldenken okzidentaler Provenienz“ war ein beliebtes, ein sog. Z.‘sches Totalschlagargument, das seine Wirkung bislang noch nie verfehlt hatte. Das sollte sich an diesem Mittwochmittag grundlegend ändern: „Ich ahne, worauf Sie hinauswollen: auf die in der Unendlichkeit sich schneidenden Parallelen nämlich. Stimmt‘s?, fragte der junge Mann grinsend. „Stimmt!“, antwortete Z. und holte tief Luft. „Schließlich sind wir ja hier, Methoden und Theorien zu studieren, die vermeintliche Paradoxa aufzulösen in der Lage sind. „Ich verstehe“, sagte der junge Mann. „Etwa nach dem Schema: „ Die Lüge ist nur eine Möglichkeit von Wahrheit". Gelächter im Kreis. „Stopp“, sagte Z. „Stopp! Mit Gelächter kommen Sie hier nicht weiter. Und überhaupt: Was ist Lachen schon anderes als eine dumme, eine prä-rationale Ersatzhandlung? Allenfalls noch Verlegenheit, wenn Sie so wollen. Und verlegen sein wollen wir doch hoffentlich alle nicht angesichts unseres manifesten Erkenntnisinteresses. Der Herr hier hat übrigens durchaus Recht: Es gibt in der Tat eine Methode, ein Instrument, dieses Paradoxon aufzulösen … Hat jemand von Ihnen eine Idee?“ Z. sah den jungen Mann jetzt direkt an: „Fühlen Sie sich von mir bitte ausnahmsweise mal nicht angesprochen!“ Ratloses Schweigen, bis die Studentin, die eben noch an Z.s Bein gepinkelt hatte, sich ein Herz fasste und die von Z. suggerierte Antwort buchstäblich aus sich herausplatzen ließ: „Die Kunst selber!“ „Voilà“, sagte Z. „Was soll ich denn hier noch? Sie haben doch schon alles verstanden.“















Wer ist dieser Waldliner?
Alle kennen ihn.
Nur Z. kennt ihn nicht,
denn Z. ist Waldliner.
„Guten Abend, Herr Waldliner“, hatte die Frau wie selbstverständlich gesagt. Sie hatte nicht gesagt: „Entschuldigen Sie bitte, Sie sind doch Herr Waldliner?“ Sie war auch in keiner Weise zögerlich auf Z. zugegangen; so, wie einer auf einen Mann zugeht, von dem er sich nicht sicher ist, ob er tatsächlich der ist, von dem er ausgeht, dass er sei, für den er ihn hält. Sie war auf Z. zugegangen wie auf einen alten Bekannten. So, als sei sie mit ihm, Waldliner, verabredet. „Guten Abend, Herr Waldliner!“, hatte sie gesagt. „Was ich Sie schon längst einmal fragen wollte … “.
Z., der an einem Stehtisch vor einer Tasse Kaffee gelehnt und betont gelangweilt - die Szene beobachtend - an einer Butterbrezel gekaut hatte, hatte die Frau schon von Weitem auf sich zukommen sehen und hastig in seine Brezel gebissen. Vielleicht, um sich besser auf die offenbar unvermeidbare Begegnung mit der Fremden vorbereiten zu können; um Zeit zu gewinnen für irgendein Bonmot, das er sich schuldig zu sein meinte; um sich schlimmstenfalls noch vorbereiten zu können auf eine möglichst geistreiche Erwiderung auf die drohende Eröffnungsfloskel eines unvermeidbaren Gesprächs, dessen Notwendigkeit er sich zwar nicht erklären, dem er aber auch nicht mehr aus dem Weg gehen konnte.
Auf diese Weise konnte Z. - mit dem Zeigefinger entschuldigend auf die Backe seines vollen Mundes tippend - immerhin noch mit dem Kopf schütteln, ohne unhöflich zu erscheinen: Eine Geste freilich, die nur scheinbar Höflichkeit ausdrücken, tatsächlich aber als Zurückweisung empfunden werden wollte.
Die Frau hatte Z.s Verhalten spontan als das verstanden, was es war: als einen - wie auch immer begründeten - Akt der Selbstverleugnung. „Waldliner will eben nicht erkannt und schon gar nicht angesprochen werden. Ein merkwürdiger Typ!“, hatte sie gedacht und ihrerseits vorgetäuscht , Z. den Rücken kehren zu wollen. Aber ihr Wunsch, das Gespräch zu eröffnen, war offenbar stärker als die - von ihr zwangsläufig als solche empfundene - Zurückweisung durch den, in dem sie völlig unmissverständlich Waldliner erkannt zu haben meinte.
„Aber Sie sind doch Herr Waldliner!“, hatte sie fast schon zornig gesagt. Z. hatte wieder nur den Kopf geschüttelt. Jetzt mit leerem Mund, aber nachdrücklicher. Widerwillig hatte sich die Frau nun weggedreht; ungläubig, und ihre kugelrunden Augen waren auch dann noch Z.s Blick begegnet, als sie längst schon an der Garderobe stand und ihren Mantel über die Theke reichte.
Z. trank seinen Kaffee aus, fasste sich ein Herz und ging betont selbstbewusst rüber zur Garderobe: „Was hätten Sie mich denn gefragt, wenn ich tatsächlich Waldliner gewesen wäre?“
Die Dame schien von dieser Frage keineswegs überrascht und antwortete, während die Klingel bereits zum dritten Mal zur Einnahme der Plätze mahnte, nur:
„Ich habe Ihren Vater gekannt.“







Totschlag zur Versöhnung
Erstens:
Z. ist tot. Tot geschlagen. „Es hatte ja so kommen müssen“, werden sie sagen. Noch liegt er lavablutig im Schnee, und der geschundene Leib dampft aus in den Nebel gelber Bogenlampen.
Jetzt würden sie die Polizei rufen. „Kneipenschlägerei mit Todesfolge“ würde der Beamte in die Kladde schreiben. Er würde die Kollegen vom Kriminaldienst rufen, die würden einen Gerichtsmediziner mitbringen, der seinerseits den Bestatter benachrichtigen würde. So würde alles seine Ordnung haben. Sie würden Z.s Leichnam öffnen, ihn ausweiden und nichts finden, was einen - freilich von keinem je geäußerten - Anfangsverdacht begründen könnte. Nach drei Tagen würden sie die Leiche zur Bestattung freigeben. Genau so würden sie sich verhalten. Und genau so wird es sich zutragen.
Diese Scheinwerferkegel über Todesstreifen! Diese Haken schlagenden Gerippe! Die Fleischfetzen am Stacheldraht; im Wind flatternde Pergamenthäute: Fort mit den vertrauten Bildern, in denen sich Z. so opferselig eingerichtet hatte! Kein „Deutscher Herbst“ mehr; kein „Frühlingserwachen“. Nicht heute und niemals wieder. Niemals wieder „Nie wieder Gedichte nach 45“. Sütterlin aus Laserprintern; Chamois mit Wellenschnitt. Platt gemachte Feuersalamander. Lasst endlich Pompejis Leichen stinken und Spaniens Blüten blühen. Wenn‘s denn sein muss: Nine-Eleven mal.
Den Enkeln endlich „eine Chance geben“, hatte Z. sich vorgenommen. Demütig und versöhnlich sein. Das Opfertier in sich töten! In sich töten lassen. Vergangen und vergessen.
Über endlose Weiten würde er sich ergießen, sich ausbreiten wie Musik und müde erstarren zur soliden Basis für alles und alle, was Hilfe benötigte, nach Sitte und Anstand lechzte. Ja! Estrich, wollte er sein; sich der Scheußlichkeit des Wortes durchaus bewusst. Es immerfort wiederholend und durch die immer gleiche Wiederholung seiner Abscheulichkeit entkleidend. Es-Strich; Kehricht; Rip-pen-dropp und den Ortsgruppenleiter; alle draußen lassen, alles abstreifen, was modert, fault und makelt. Das Alte am Gestern vertäuen. Das Echo spiegeln des schlimmen Golgatha-Traumes an der Klinkerwand des Gewölbes. Open-Minded sein für das Gute, Wahre, Schöne im Niemals-Wieder. All dies wollte er. Will es sein und danach handeln. Es sich verbieten, dies hässliche Lied der Wiederkehr:
Bunt/
sind schon/
die Wälder!/
Gelb/
die Stoppel-Felder/
Und:/
der Herbst/
beginnt!
Diese ewige Litanei! G-tt erbarme sich meiner! Einmal nur. Heute Abend und dann immer wieder! Lass weiße Krähen hacken den rabenschwarzen Schnee! Hör den Glockenschlag der Zeit und den Muezzin als Sänger ihrer Lieder. Einmal nur! Heute Abend und dann nimmer immer wieder!
Zweitens:
Schon draußen auf der Treppe, hatte ihm seine Frau noch nachgerufen:
„Aber lass‘ den Juden heute zu Hause! Versprochen?“
„Versprochen!“, hatte er geantwortet. Und in die dunkle Nacht hinaus hatte sie geflüstert:
„Pass‘ auf Dich auf, Z.!“
Am Ende des Blocks zog Z. ein Medititationskärtchen aus der Sammlung der 72 Namen seines Gottes aus der Tasche - ein kabbalsitisches Kartenspiel, das ihm - damals in Jerusalem ein - orthodoxer Jude überreicht hatte. Und im Schaufensterlicht las er leise die fremden Worte, als wolle er das Versprechen sanft in Frömmigkeit zementieren:
Aleph - Lamed - Daled
„Mein Wunsch, andere Menschen mit einem bösen Blick zu strafen, verschwindet. Ein Schutzschild aus positiver Energie umgibt mich und bewahrt mich vor negativen, neidvollen Blicken und den bösen Absichten der Anderen.“
Drittens:
Die Stadt, durch die er ging: Kein Ghetto. Kein Lager. Ihre Menschen: Nicht besser oder schlechter als er selber. „Du-und-Ichlinge“ will er sie von nun an nennen.
„Und ich, Z., mitten drin in ihrer Welt. In dieser Welt“.
„Zufrieden?“, hörte er sich seine Frau fragen. „Beruhigt? Alles gut?“
Ein Leben lang hatte Z. den Juden gegeben; geglaubt, das würde ihn unverwundbar machen in diesem neuen Land.
„Dieses Deutschland tötet zwar Menschen, aber niemals einen Juden. Dazu haben diese Menschen kein Mandat. Kein Mandat mehr“, hatte er sich immer wieder versichert. Er, der doch nur Mensch sein wollte unter Menschen und damit sein Schicksal erst eigentlich besiegelte. Davor hatten ihn seine Freunde, die Realisten, immer gewarnt. Jetzt ist es beschlossen. „Es hat ja so kommen müssen“, werden seine Freunde sagen. Z. ist tot. Dabei hatte alles so versöhnlich begonnen.
„Ich, Z., - ein Christdemokrat mosaischen Glaubens“, hatte er immer gespottet, doch er war ihnen immer JDUler, jüdisch-demokratischer Unionist, geblieben; ein latenter Unterwanderer in Business-Zwirn und Weltverschwörer unter dem Kaftan. Ein Begnadeter, der es trefflich verstand, die nächtlichen Träume am Bewusstsein seiner Gnade zu nähren.
So stieg er (Z. gab schließlich immer den aufgeklärten Reformjuden) nicht trotz, sondern gerade wegen Shabbat die steile Treppe hinab in ihren Keller. In ihren Keller der Kultur.
Nicht trotz, sondern wegen Shabbat vermied er zynische Kommentare. Verbot sich Urteile wie: „Exotenschau“ oder „Raritätenkabinett“. Wohlwollen hatte er sich verordnet. Zeichen der Versöhnung setzen will er; sein altes Opfertier schlachten an diesem Freitag Abend im traurigen Monat November. Erstmal für heute. Vielleicht für immer.
Viertens:
Was sonst noch geschah, ist schnell erzählt, und jeder ahnt den Ausgang der Geschichte:
Z. hat versagt. Lichterketten an meterlangen Kabelstrippen, die den Eingang markieren sollten, blitzen ihm auf wie Stacheldraht. „Keller“ wurde erst zu "Cella", dann zu „Zelle“. Die Luft dünstete Karbol und verbranntes Fleisch.
Hinweg ihr Sinnenmetamorphosen! Sieh die Lichtlein auf den Tannenspitzen; sieh die Kerze als Zeichen der Hoffnung, nicht als Irrlicht für den Verfolgten. Einmal nur zuhause sein. Mensch unter Menschen. Du opfergeiler Altas! Kassandragleicher Kritikaster!
Und vor allem eins, Z.:
„Halt Dein Maul, dein lästerlich-jüdisch-diskursives!“
„Ich interessiere mich doch bloß für diese Kultur, die mir so fremd geworden ist“, hatte er zu seiner Frau gesagt. „Für diese neue Kultur in diesem neuen, alten Deutschland. Ich gehe hin, höre zu und gehe wieder. Mehr nicht“, hatte er gesagt und selbst daran geglaubt. Und sie: „Wenn Du Dir das antun willst - Bitteschön!“
„Ein Jazz-Konzert wäre jetzt auch nicht übel“, dachte er, als er an der Kasse stand. „Warum denn unbedingt ‚Klezmer‘ und 'Freilach'?“
„Klezmer“ sei die traditionelle Musik osteuropäischer Juden meist bei Hochzeiten“, hatte ihm Wikipedia erklärt.
„O.k.!“, hatte Z. gesagt.
"Aber was in aller Welt ist ein Chassid? Was sind Aschkenasim und was Sephardim? Das Netz weiß immer Antwort.
„Sephardim wären mir jedenfalls lieber - wegen der vielen Russen in der Stadt!"
Der Kulturkeller würde von dieser Stadt finanziell unterstützt, stand an der Wand geschrieben. „Ist das nun ein Prädikat, eine Qualitätsgarantie oder vielleicht doch eine versteckte Drohung?"
„Halt Dein Lästermaul, Z.!“, warnt die systemstabile Stimme im reform-jüdischen Leib.
Fünftens:
Das Trio war besser als befürchtet, und nach dem ersten Teil des Programms hatte sich Z. sogar noch zu einem höflichen Applaus hinreißen lassen. In der Pause hatte ihn ein vages Gefühl davon abgehalten, wie gewöhnlich an die Bar zu gehen, etwas zu trinken und mit einem Lehrer oder Rentner das eine oder andere belanglose Wort zu wechseln.
"Allzu demonstratives Wohlwollen wird Dir schnell als Anbiederung ausgelegt“, dachte er. „Damit ist niemandem gedient. Zu aller letzt Dir selber!“
Die Strecke über die steile Treppe hoch an die frische Luft gerät ihm zum Spießrutenlauf. Zum hirnlosen Fluchtversuch, wenn hinter jedem Konzertbesucher, der ihm entgegenkam, ein Demjanjuk lauert. Wo Z. auch hinsieht: Hinkende, schwer atmende, vom Tod gezeichnete Täter im Schafspelz: kulturell Abbitte leistend. Im Beichtstuhl ihres Kellers.
Schon vor dem ersten Klingeln saß Z. wieder auf seinem Platz. „Klezmer ist so schön! Ich mag das ganz arg!“, flüsterte eine alte Dame neben ihm - gerade so laut, dass Z. es hören musste.
Vorhang wieder auf. Jetzt: Ein paar - zugegebenermaßen dialektisch-raffinierte - Rabbinerwitze als leichte Kost. „Selbstironie ist ein unverzichtbares Merkmal der jüdischen Kultur“, flüstert die Nachbarin, und Z. blickt hinüber zum Ausgang.
Jetzt: irgendeine Sottise des jüdischen Kulturhistorikers Egon Friedell. „Reißen jüdische Selbstmordkandidaten auch dann noch Witze, wenn die Mörder schon triumphziehen durch ihr Wien?“
Endlich die schluchzende Judengeige. Z.s Glissando zum Schafott.
Galle steigt in ihm auf, heftet ihn giftgrün an den Sessel.
„Habe ich es nur mit Dummköpfen, Idioten, Ignoranten zu tun?“
Z. weiß nicht, wie lange sein Körper dem Kesseldruck der Seele noch standhalten würde. Er weiß, dass er ein toter Mann ist. Duldsam oder offensiv. So oder so tot. Tot, wie ein Jude nur tot sein kann. Rentner, Lehrer, linksliberale Gewerkschafter seine Vollstrecker.
Jetzt nur noch das alte Lied vom Schmerz. Vom Lemminge-Leid und schicksalsergebener Jenseitserwartung. Das alte Schlachtlied vom Lamm, das sich triefend aus der Schwermut geigt.
Letzte Zugabe: „Bei mir bist Du scheen!“ Judenswing im Adenauertakt.
Der Abend ist zu Ende. „Final“, denkt Z.
„In der Tat! … So eine große, so eine wichtige Kultur“, sagt die alte Dame im Aufstehen.
„Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll niemand drin wohnen als Jesu allein“, hält Z. ihr leise entgegen.
Und plötzlich die Eruption: „Warum habt Ihr oben kein Schild angebracht: ‚Für Juden verboten!‘, ruft er über die Stuhlreihen.
„Was hält Euch noch: Tanzt doch Euren Auschwitz! Springt auf die Schlachtbank!
Schunkelt den Adolf Eichmann! Hem-mungs-los!“, brüllt Z. in den Saal.
Sie treten ihm in Bauch und Brustkorb, spalten seinen Schädel, schleifen den blutenden Leichnam über den Hof hinüber zu den Tonnen.
Nur ein einsamer Penner singt Z.s altes Klagelied:
Sechstens: Das Lied von Z.
Vollstrecker hatten ihm, Z., noch am Galgen hängend, Lanzen in die Seiten gestoßen und den Klaglosen an den Beinen gezogen, bis die Wirbel knackten. Aus der Symmetrie Hunderter von Gewehrläufen hatten sie ihn füsiliert, ihm die Augen ausgerissenen. Die Hoden. Ihn, vom Galgen gezerrt, liegen lassen auf dem menschenleeren Strand. Zerstückelt und geschändet, damit er all das Gesagte beweise. Wellen hatten ihn, Z., umspielt; sich Kopf, Rumpf und Glieder erbarmt, sanft ihn geschaukelt in seiner Wiege. Gehoben und gesenkt, mal den Krähen, mal den Möwen zum Fraß, und zurückgeschwemmt an die Mauern seiner Stadt. In den leeren Augenhöhlen hatten sich Kristalle gebildet. Salz und Sonne hatten seine Knochen gebleicht, bis keiner mehr fragte, wer er denn sei, der Tote. Was ihn hierher gespült habe, diesen Toten, der fasziniert dem gnädigen Zerfall beiwohnte, den ihm die südliche Sonne und das Salz seines Meeres bescherten. Z. schüttelte den Tau vom Gefieder, der als Asche zu Boden fiel, breitete seine Flügel aus und schwang sich empor über die Mauern seiner Stadt hinüber zu den Steinen seines Hauses, das nie die Sonne sah, bis die Bagger kamen, es niederrissen und endlich Platz schufen für das Dritte. Aus Schutt und Trümmern sah er, Z., tausendjähriges Blut rinnen. Tränen und Urin. Morsche Balken stöhnten die Schmerzen totgebärender Mütter wie Blei aus Pilz und Schimmel.
Siebtens:
Der Gerichtsmediziner wird sein Ausschneidmesser zur Seite legen. Mit groben Stichen wird er Z.s Brustkorb nähen. Z.s Hände zum Gebet falten wird er freilich nicht und so den Zettel auch nicht finden, den der Tote für alle Zeiten in seiner Faust bewahrt und auf dem geschrieben steht:
Verachtet mich nicht, weil ich Euch betrogen habe.
Verachtet mich, weil ich der Messias war.




Es braucht nur den einen Satz. Und dieser Satz ist der eine. Und er ist alles andere. Ein Satz wie: „Es tropft Licht“. Oder: „Kälte stürmt durch die Straßen“. Solche Sätze sind Musik. Und alle Sätze sind Gemälde. Ein kleines schwarzes Quadrat auf einer gelben Fläche ist ein Satz. Und Musik. Und wenn du ihn singst, füllt er die Leinwand. Und verbrennst du die Leinwand, ertönen drei Töne, bilden einen neuen Satz; und die Pigmente des neuen Satzes malen ein Bild der Wörter auf deinen Körper. Auf deinen Körper und auf alle anderen. Ein Bild der Ordnung und ein Bild der Gegenstände, die ihrer Schwerkraft folgen. Jeder der seinen. Die sich auffangen lassen in Rückhaltesysteme aus nasser Watte - getränkt mit Phönixasche. Sie formt Sätze am Nachbartisch. Sätze über böse Männer am Strand. Sätze eines Preisausschreibens mit Gewinngarantie, das dir verheißt, mir eine Stunde zusehen zu dürfen bei völlig banalen Tätigkeiten: beim Wischen, Waschen, Kaffeekochen. Beim Saugen und beim Radiohören. Und du hörst, was es vermeldet: „Weichmacher gefährden die Fortpflanzung“. Also Musik machen. Denn Kunst ist akkumulierte Zeit. Dein Gewinn. Und in den Töpfen saucelt es. Und die Sauce versöhnt dein Leben mit der Arbeit. Ein weiteres Mal darf dir das nicht passieren. Du würdest es nicht aushalten. Diese Unruhe mal Unruhe im Quadrat. Auf den schon kaum noch zu ertragenden Tonus aufgestattelt. Der Satz aus Tönen und Farbe gerinnt zu einer Hundegeschichte vom Hundehasser. Ein Hundskillersatz, der dir malt: Sparsamkeit ist Mangel an Selbstvertrauen. Doch Vorsicht: Vorsicht vor der alten Vertrauensblase. Vertikalspannung in der Muckibude. Oder: In Gottes Speckgürtel. Du dann: Partielles Zittern und Zucken, das nur der Verstand mit Tränen trösten kann. Dein Satz erklingt neu aus dem Radio: „Herr, wir bitten Dich, dass in unserem Land in dieser Zeit der Krise nicht nur nach kurzfristigen Lösungen gesucht wird.“ Und du verfluchst dieses falsche Gebet der falschen Pfaffen, das sich einschleicht als bösartige Metastase deines schönsten Satzes. Er darf es nicht sein: dieser Tropfen Dunkelheit. Du musst ihn töten mit Gravitationstrotz und Elementarwiderstand. Das ist nichts für Quantensammler beim Seelensuchen.




Geld stinkt nicht,

aber Kapital macht Krach


Wer tags konzentriert arbeiten und nachts erholsam schlafen will, der darf niemals auf die Hügel ziehen: Er wird rastlos auf und ab gehen, sich schweißgebadet in Kissen wälzen und nach dem Reihenhäuschen sehnen am Bahndamm, wo die Kinder Fußball und die Erwachsenen Krieg spielen.

Er wird die Geräusche des Dschungels vermissen und den Lärm des Geldes verfluchen. Er wird Menschen lieben, die Geräusche machen, und Menschen hassen, die sie machen lassen, während sie golfend der teutonischen Hitze nach Südafrika entfliehen. "Hier über der Stadt ist es inzwischen unerträglich heiß!" Wohl wegen des vielen CO2, die der Mob ausdünstet. "Die Firma läuft auch ohne uns! Die Welt gehört mir; ich bezahle ja dafür!"

Die Erst- bis Fünftfahrzeuge schweigen. Keiner ruft: "Fick dich!" Die Air-Condition läuft weiter. Die Gärtner kastrieren lautstark Rasen zu Green, blasen welkes Laub, Frauen saugen Staub. Domestiken stutzen Buchs zu Pyramiden, scheren Hecken zu Bollwerken und shreddern Bewusstseinsschnitt zu Mulch.

An den Wochenenden, wenn die Gärtner im Ghetto drunten am Bahndamm ihre Gärtchen traktieren, säuseln hier nur leise Umwälzpumpen, plätschern Wasserspiele, fehlzünden Alarmanlagen, öffnen und schließen sich quietschend Rollgitter und Fensterjalousien, klackern Rasensprenger rhythmisch über Hektare. Hinter Stacheldraht herrscht niemals Ruh'.

Denn Friede ist das nicht.

Lediglich Waffenstillstand.

Noch.



Wenn der fruchtschwere Holder
schwarzblütig die Segel streicht
wird auch dieses "wird schon wieder werden"
wieder werden
"wird schon gut wahr schön werden"
wird Herbst werden Winter werden wieder Licht werden
wird schon wieder nicht werden
wieder wird nur wieder sein
dass es wieder...



Zeitkampf
"mal' mir doch mal so'n richtiges Gedicht!"


Masse brennt dir Lakenmale
wie Chiffren auf den nackten Leib.
Und aus der Matrix hoch zur Schale
zieht der Sog dich auf die Knie.
Im Beckengriff
wirst du erstarren:
demutsvoll
in Angriffslust.
Bipolar in Trinität verharren
Alaun, Alraune,
Alchemie.




„Ich bin es leid, dieses ewige Gequatsche vom halb vollen und halb leeren Glas“, sagt Z.. „Tatsache ist doch, dass keiner einen Gedanken verschwendet, wenn auf dem Trottoir keine Kippen liegen. Wirft dann aber doch einer eine Kippe weg, erntet er böse Blicke. Das ist doch die Praxis. Die Leute werden eingelullt vom Guten, Wahren, Schönen. Narkotisiert. Eine Valium-Gesellschaft ist das! Und oben auf den Hügeln hinter hohen Mauern reibt sich das Kapital die Hände. Verbotenes müsst ihr tun. Das, was sie verboten nennen: Kaugummis auf den Boden spucken, rechts überholen, bis zum Anschlag schräge Musik aufdrehen, müsst ihr, und euch in dem Maß von einer Welt verabschieden, der sich die anderen unaufhörlich nähern. Abstruse Thesen müsst ihr vertreten. Thesen, an die noch nicht einmal ihr selber glaubt. Paradox daher reden, dass sich jeder nur noch wundert. Die Leute aus ihrer Reserve locken, müsst ihr. So sie überhaupt Reserven haben. Und genau so müsst ihr gegen euch selber handeln, um euch zu wecken aus der Agonie. Aber was heißt schon ‚Reserve‘! Anarchisches Potential, wovon hoffentlich in jedem noch ein Quäntchen schlummert. Wachgeküsster Überlebenswille! Die schwache Glut eines erlöschenden Lebens neu entfachen. Brennstoff ist genug vorhanden. Auch wenn er feucht geworden ist. Morsch und flüchtig. Tun, was sie schlecht nennen, müsst ihr, um der Wahrheit zu ihrem Recht zu verhelfen. ‚Scheisse‘ brüllen, wenn sie ‚Amen‘ sagen. ‚fick dich‘, statt ‚Danke schön‘, denn solche sind die Vokabeln der Akkumulation. Des Kapitals. Und seid besonders auf der Hut, wenn sie ‚schön‘ sagen. Oder ‚gut‘ und ‚richtig‘. Es ist niemals euer ‚schön, gut und richtig‘. Wenn ihr dem nichts Hässliches, Schlechtes und Falsches entgegensetzt, dann seid ihr gerichtet. Und seid euch bewusst: Es geht niemals um Wahrheit. Es geht um das Recht auf die Antithese. Um das Recht auf Totalverweigerung. Zum Teufel mit dem Dualismus; der platten Kausalität. Und - um deren Gottes Willen -: ergreift niemals eure Chance, sondern nehmt euer Recht wahr. Euer Recht. Jawohl! Unterstützt mir nie die Unterprivilegierten; ihr zementiert nur Privilegien. Versteht, dass Güte Akzeptanz des Unrechts bedeutet, Amnestie des Unrechts, und Demut Kapitulation. Vernichtet Privilegien. Verabscheut Venedig, Florenz, New York und Rom. Die Symmetrie, den Goldenen Schnitt. Sie sind geschaffen, euch klein zu halten. Liebt Heilbronn und Pforzheim. Seht das Potential, nicht das Erreichte. Und wenn sie euch von ‚Zeit‘ reden und von ‚Alter‘, dann nehmt‘s mit einem Achselzucken und haut ihnen eins über die Rübe. Schreibt alles auf, aber schreibt so, das sie es nicht verstehen. Schreibt, was sie nicht verstehen. Sie würden euch nur missverstehen. Und töten.




Dass es wieder


Dass es wieder wird
Schon wird
Wird schon


Gut
Wahr
Schön wird


Herbst wird
Winter
Licht wird


Es wird schon
wieder nicht
Werden


Schon wieder
wird
es nur sein.







Pfirsich

















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Sichtzeit


Wo noch Gas in den Blüten:
schenk es den Flammen.
Wo Schranken im Licht:
spiegle sie aus.
So tanz mir die Quanten
und dreh dich nicht um.
Saug mir den Sog auf
aus meinem Gesicht.




Ballade


An der Wand waren Markierungen angebracht.
Kleine weiße Quadrate, ohne die Z. geglaubt hätte,
blind geworden zu sein.
Beethoven.
Und ganz fern: Miles Davis.
My Funny Valentine.
Lava schob heiße Luft durch die Straßen.
Mücken sangen ihr Schlangenlied.
Und drüben klirrte ein Lüster.
(Unten im Parkett war ein Mann gestorben)




Futur 2


Glück gehabt haben werden,
ist Sehersache.
Platte Prophetie.
Unsere: Am Abend den Tag
richtig eingestellt haben werden:
Ergebnis schwerster Übung




Raumzeit
Zeitraum
Hinters Kreuze kriechen
und Bunker bauen
aus Dornenkronendraht
Wo Todespfeile achtsam Bögen fliegen
um die Ehrfurchtsstatt
aus Mandelholz
wo einer aufrecht stirbt
ungefiederter Phönix in freiem Fall
Von der Kalotte auf dem Hügel
aus dem Schädel mit dem Demutsramsch
grüßen gierig Seelenfischer
Lanzen und den Essigschwamm
Doch dort vorn, wo alles Ende endet
hinter Stellung an der Rampe
wie ein Arsenal von Zeit:
Dort unendlich reich ich mir die Hand




Klimax
bishierhin
vonmiraus




Von hier oben
kann ich euch besser sehen.
Aus der Ferne ist
das Kommando klar.


Wenn ihr mich holen kommt,
dann zählt der Berg die Schritte.
Euch Hasen&Igel
setzt die Nacht ins Licht.


Euch ewig unerreichbar,
wächst es
mich davon.
Auf einem roten Tier
Egge





Warum nur so -selig,

so -sinnig,

so -istisch?

Immer so -tümelnd.

Irgendwie -islerisch.

Sei doch einfach mal -al.



So völlig -los!

Steh auf-



brechen ins Haus,

lass uns:

Krötenschlucken.




Bei Licht etwa

stromlos martern lassen

sollen wir uns,

wo jeder Regentropfen

doch sein eigner Fluss?



Dort

in Reihe zum Tod

wollen wir

uns duldsam krümmen

unter Nadelspitzen.







Der Querschnitt dieser Waggons hatte Z. immer an Särge denken lassen. Die Reise an die Prozedur einer Computertomographie. Und an die Hitze im Ofen. Die Strukturen der vorbeiziehenden Landschaft an Zeichen und Zeit. Schienen, die Bahn überhaupt: Nichts als Todesmetaphern.

Nach Auschwitz.

Bahn fahren ist barbarisch. Den Kindern zu Weihnachten die Modelleisenbahn aufzubauen, zynisch, hatte Z. immer gesagt. Deportationen entlang niedlicher Fachwerkhäuschen. Henkers Hände an der Weiche. An der Rampe rohe Bretter und der Geruch nach Karbol. Anselm Kiefer.

Doch plötzlich: Solche Hände!

So ideal-schmal.

Sie tanzen - nachtblau auf weiß -

ein neues Gewölbe. Vis-à-vis.







Stairway to Heaven





Energiestabil

Zwischenvertikal.

Kompensativ verspannt,

dass nichts ziept und zerrt;

nichts von der Leiter stößt.



Bei dem Verkehr.











Messias - vertikal



Eine Passionspolemik




Es gibt ihn nicht, diesen Messias. Wir sind es nicht. Der Nazarener und von Menschenhand posthum mit göttlichen Attributen geadelte Wanderprediger und Menschensohn Jesus war es nicht. Nicht nur seiner nachgewiesen ausgebliebenen messianischen Wirkung (Weltfrieden, Einheitsreligion etc.) wegen nicht; er kann es qua definitione nicht sein. Er ist nach eigenen, freilich nur literarisch tradierten Worten immer ein Unvollkommener unter - wie Sloterdijk sagen würde - "Vertikalspannung" und "nach neueren Vermutungen ein 'Häßlichkeitskrüppel'“ geblieben. So steht der zum Tode Verurteile auch heute noch unter der „Vertikalspannung" einer mittlerweile zweitausendjährigen, sich selbsternährenden Exegese seiner nicht und von niemandem autorisierten, weitestgehend literarischen Biographie (= “Neues Testament“), deren Anliegen es ist, das Wesen der Kompensationsleistung Jesu vom "Häßlichkeitskrüppel"[1] zum Märtyrer am Kreuz nachträglich-wohlwollend als messianische Leistung zu rekonstruieren und im Blick auf messianische Standards zu adaptieren. Zu dieser Adaption an das Messias-Ideal zählen Konstruktionen wie Auferstehung und Himmelfahrt ebenso wie die im Lauf des Predigerlebens (nach übereinstimmender Auffassung metaphorisch zu lesende) Wundertaten. Realistischere Reporte, wie beispielsweise die Schilderung von Jesu Hinrichtung, verharren in messianisch unverdächtigen Verhaltensstudien von Delinquent und Assitenzpersonal („Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“/“Es ist vollbracht!“/Die Indifferenz der römischen Machthaber/der Schmerz der beiden Marien/Jesu Kommunikation mit den Schächern etc.).

Metaphysisch anmutende und auch stilistisch aparte Weiterungen (Sonnenfinsternis/Teilung des Tempelvorhangs/Auferstehung und Himmelfahrt) dürften eher der politischen Notwendigkeit bzw. einem psychohygienischen Selbst-Exkulpierungsbemühen der beteiligten Chronisten und Täter-Jünger geschuldet, denn Protokoll der tatsächlichen Ereignisse sein. Anders ausgedrückt: Genuin messianische Attribute sind in diesem Kontext immer Ausfluss fiktionaler Erzählinhalte; verbliebene, nachvollziehbare Fakten dagegen allgemein-menschlichen Ursprungs aus dem Kraftfeld der individualistischen, sloterdijkschen Vertikalspannung: weit entfernt vom Fluidum gottähnlicher "Gesalbtheit" außerhalb irdischer "Übungsräume".

Jesus, der Menschensohn, ist – wie seine Vita zeigt - wie jeder andere vor und nach ihm zunächst einmal unvollständig. Inperfekt und Krüppel im korrektesten Sinne des Wortes. Ein menschlich-allzumenschlicher Defizitkompensierer auf seinem paradoxen Weg vom physischen und psychischen Ist-Zustand zur unerreichbaren Absolutheit der Gottgleichheit (Gottessohn). Konsequenterweise muss Sloterdijk die Frage stellen: „Falls Überkompensation von Behinderung das Geheimnis des Erfolgs ist, wäre hieraus zu folgern, die meisten Menschen seien nicht behindert genug?[2]

Nachgeschobene Ergänzungsfrage: Wären die Menschen nicht alle auf irgendeine Weise und in irgendeiner Form behindert, sondern physisch, psychisch und moralisch göttlich-vollkommen, würde die Welt dann nicht still stehen in dumpfer, zielloser, also: vertikalspannungsloser Absolutheit; erstarrt in einer nur noch der Gravitation gehorchenden Stabilität, der selbst noch das letzte Quäntchen Energie, notwendig zur Selbstentleibung, abhanden gekommen wäre unter der Qualen des absolut Schönen, des unübertrefflich Perfekten, des energetischen Nichts? Dies, ohne jemals wirklich in Gefilde jenseits der Sphäre des individuell determinierten "Übungsraums" vorgedrungen zu sein?

Der Sloterdijksche Übungsraum, in dem Menschen im Kraftfeld einer wie auch immer gearteten Vertikalspannung agieren, d.h., in einer hinter dieser Pleura wirkenden Tendenz vom Weniger zum Mehr, vom Schlechteren zum besseren, vom Partikularen zum Ganzen je nach persönlichem Naturell sich zur Decke zu strecken verdammt sind - dieser Übungsraum hat naturgemäß Grenzen. Grenzüberschreiter sind allenfalls die Künstler; Zielerreicher (oder zumindest in den Speckgürtel göttlicher Allmacht Vorgestoßene) wären, so diese Leistung überhaupt denkbar wäre, Messiasse. Und das Ziel erreicht zu haben, hieße, die Pleura von außen und die Vertikalspannung transzendiertem Abstand betrachten zu können. „Sich nur zur Decke strecken“, genügt nicht zum Messias. Und die Decke zu durchstoßen, ist nicht jedem vergönnt. Geschweige denn, das wie auch immer geartete Endziel zu erreichen. Dem Häftling eben so wenig wie dem kleinen Lukas, der aus dem gläsernen Verlies des Ikea-Kinderparadieses abgeholt werden möchte. Dort mag er üben, so lange er will: Die bunten Bällchen folgen immer, wie die Kugeln in einer Lotterietrommel, einzig der ihrer Masse immanenten Tendenz zur Stabilität, also der Schwerkraft.

Draußen, freilich immer noch innerhalb des größeren Übungsraumes, stehen die verlegen lachenden Dritten, die sich amüsieren über die Kleinen und deren Bad in bunten Plastikkugeln. Auch sie mögen üben, so gut sie eben üben können. Die Decke ihrer Gefangenschaft als reproduzierende Mütter, über-fürsorgliche Väter oder kundenorientierte Mitarbeiter werden sie so nicht durchstoßen. Das System hat ihnen beizeiten Grenzen gesetzt und den Deckenhaken für die Aufhängung der Vertikalstrippe im Inneren der Kalotte angebracht.

Doch was bestimmt die Intensität dieser Gegengravitation, dieser Unten-Nach-Oben-Spannung? Was die Masse der Abrissbirne als Faktor ihrer negativen Beschleunigung hinauf zum prinzipiellen Endpunkt der Unendlichkeit? Zu Gott als dem finalen Ziel aller Übungen, Exerzizien und Bemühungen? Soviel sei jetzt schon beantwortet:



Es gibt ihn nicht, diesen Messias, der erst zum Messias gemacht werden muss.







[1] Peter Sloterdijk: Du mußt dein Leben ändern. Frankfurt am Main, 2009; S.86

[2] Ibid., S.88









Die Rose von Jericho
Oder: Haben Sie heute schon Ihren Phönix fliegen lassen?





„Sie hatten mich gefragt, wie diese Geschichte enden wird. Ich will es Ihnen sagen. Sie endet, wie jede gute Geschichte, mit dem Tod. Genauer gesagt: Mit einem Tod. Und sie beginnt mit dem Tod. Mit einem Tod. Denn es gibt deren viele. Unendlich viele.“






Vollstrecker hatten ihm, Z., noch am Galgen hängend, Lanzen in die Lenden gestoßen und den Klaglosen an den Beinen gezogen, bis die Wirbel knackten. Aus der Symmetrie Hunderter von Gewehrläufen hatten sie ihn füsiliert, ihm die Augen ausgerissenen. Die Hoden. Ihn, vom Galgen gezerrt, liegen lassen auf dem menschenleeren Strand. Zerstückelt und geschändet, damit er all das Gesagte beweise. Wellen hatten ihn, Z., umspielt; sich Kopf, Rumpf und Glieder erbarmt, sanft ihn geschaukelt in seiner Wiege, gehoben und gesenkt, mal den Krähen, mal den Möwen zum Fraß, und zurückgeschwemmt an die Mauern seiner Stadt. In den leeren Augenhöhlen hatten sich Kristalle gebildet. Salz und Sonne hatten seine Knochen gebleicht, bis keiner mehr fragte, wer er denn sei, der Tote. Was ihn hierher gespült habe, diesen Toten, der am Schreibtisch saß und fasziniert dem gnädigen Zerfall beiwohnte, den ihm die südliche Sonne und das Salz seines Meeres bescherten. Z. schüttelte den Tau vom Gefieder, der als Asche zu Boden fiel, breitete seine Flügel aus und schwang sich empor über die Mauern seiner Stadt hinüber zu den Steinen seines Hauses, das nie die Sonne sah, bis die Bagger kamen, es niederrissen und endlich Platz schufen für das Dritte. Aus Schutt und Trümmern sah er, Z., tausendjähriges Blut rinnen. Tränen und Urin. Morsche Balken stöhnten die Schmerzen todgebärender Mütter wie Blei aus Pilz und Schimmel. Hier nahm sich Z. Pietas, die Bestattungsunternehmerin, zur Frau. Das hat sie nun davon.




Zeitkompresse






So stand Z. noch nie am Urinal. Nein: Immer, wenn er bis dato vor einem Urinal gestanden hatte, war es nicht Z., der dort stand. Denn dem wahren Z. musste es gleichgültig sein, wie stark oder schwach der Strahl war, der in die Schüssel strömte, rann oder tropfte; welche Farbe dieser Urin hatte; wie lange der Urinierende dort stand; ob er lustvoll Erleichterung verspürte oder vor Schmerzen stöhnte; ob er draußen vor der Tür vielleicht etwas verpasste; ob er jung war oder alt. Er war Z.. Zum ersten Mal in seinem fortgeschrittenen Leben. Doch das war Zeitrechnung des anderen. Des Nicht-Z.. Z. konnte sich nicht an den Weg erinnern, der ihn vor dieses Urinal geführt hatte. Kein Spießrutenlaufen; kein von irgendeiner projektiven Reflexion begleiteter Gang zur Toilette. Keine Inszenierung narzisstischer Verletzungen. Und die Musik, die im Saal gespielte wurde (sehr schöne Musik!), hatte er wie selbstverständlich mitgenommen. Als substanziellen Teil seiner selbst. Und Z. hatte auch seine Kunst mitgenommen, die sich währenddessen zuhause formte und mit dieser Musik, die er mit zur Toilette genommen hatte, jene allzeitige Gleichzeitigkeit herstellte, in der sich Z., vor dem Urinal stehend, nun gefunden hatte. Unbehauen-schöne Sandsteinbrocken, Weggeschlagenes, Abraum verlogen-schöner Bildhauobjekte hatte Z. durchbohrt und zu einem am Stahlseil von der Decke hängenden Pendel aufgereiht. Eine Zugfeder, die er zwischen Zimmerdecke und Seilklemme befestigt hatte, hatte dafür zu sorgen, dass der - ob des enormen Gewichts über Stunden andauernden - Pendelbewegung der Steinesstele eine Auf- und Abbewegung verliehen werden konnte. Das Schwingen einer Masse im Raum; eine Masse, deren Gestalt durch eine gegenseitige Drehung ihrer Komponenten unendlich viele Metamorphosen durchlaufen würde. Zeit war allenfalls noch Funktion der Masse, obschon die Masse ihrerseits Funktion der Zeit war; dergestalt, dass sie sich entlang der Zeitachse - von Z. gewollt oder von ihm unbeeinflusst - verändern würde. Durch Erosion etwa; aber auch durch Anstrich, Abrieb, Verschleiß. Veränderung der Lage im Raum. Morphologische Variationen. Massegewinn oder -verlust. Mutwilligkeit oder Evolution. In und durch eine Zeit, die die einzige Zeit des wahren Z. allein nicht mehr sein konnte. Der, der auf dem Weg war, Z. zu werden, übergoss die Konstruktion eimerweise mit Farbe: blau, gelb, schwarz, grau. Breiig wie Magma floss sie von Stein zu Stein; mischte sich, hinterließ Schlieren und Spuren, ließ Stein frei, indem sie Stein bedeckte, bevor sie zu Boden tropfte. So nahm er den Prozess, die Schöpfung, die Zeit, mit an diesen anderen Ort einer anderen und dennoch gleichzeitigen Zeit. In dieses Konzert und vor dieses Urinal. Hier, als Z., hatte er den Schlüssel gefunden. Die Zeitkompresse als die erste Manifestation seiner These eines qualitativen Zeitbegriffs als eine nur in der Kunst gleichzeitig mögliche Addition, Multiplikation und Potenzierung von Zeitzuständen als singulär dimensionslose Zeitpunkte. Ein Zeitkomplex, der Materie nicht allein in Schein und Masse, sondern in ihrer Morphe verändert. Ob von einer Sekunde zur anderen oder in Jahrmillionen. Steinmusik. Wieder zuhause, würde er das Pendel erneut anstoßen und die Steine mit neuer Farbe und mit der neuen Zeit aus den leisen Klavierklängen von der Toilette übergießen. Etcetera.




Bésame




Du, Heilige im ALDI.
Du Schlampe! Bei Cartier.
Lilith von San Giorgio.
Gretchen im Bordell.
Du und ich:
Schneckenfingrig drehen wir
die Keuschheitsmühle;
zerzähneknirschen Bleikristall
Aus salzwässrigem Honig
platzen wir Weihrauchblasen,
schwitzen myrrhrelechzend Wundpapillen.


Lavasaufend dürstet unser Hostienblut.


Brombeerfaul. Zitronenfroh.
















The Sheltering Sky


Schreibe Spinnen,
trete Leiber in Asphalt.
Schreite Wörter
und höre sie nicht.


Male Wunden,
blende Lider.
Halte mich fest
am Dornengestrüpp.


Stürze niemandes Haus ein
die Zelle, je desto.
Grabe meine Grube
für Blüten aus Blei.


Koche nie mir mein Zicklein
in Milch meiner Mutter
Schenke sein Blut ein
in Gefäße des Lichts.


Schütz mich eins mit der Wüste
der staubschwere Himmel
beim Tanz mit den Schlangen
zum Sandkistenklang.




Sermon
Wenn - wie Proudhon intellektuell durchaus nachvollziehbar sagt - Eigentum Diebstahl ist, dann ist Diebstahl von Eigentum Diebstahl des Abstraktums Diebstahl; folglich nichts. Und dennoch fehlt immer irgendjemandem irgendetwas, und immer mehrt ein Anderer damit sein Eigentum. Also sein Diebesgut. Ganz so, als sei nichts gewesen … tatsächlich bedeutet, sich nicht erinnern zu können, nichts anderes, als nicht wirklich wahrgenommen zu haben. Nur mit sich selbst befasst gewesen zu sein. Eigentlich hatte sich Z. in aller Ruhe das Leben nehmen wollen. Doch da ging das Telefon: Ob er nicht ganz schnell kommen könne ein Kollege sei krank geworden es handle sich wirklich um eine Ausnahme die Maschinenlaufzeiten ihm müsse man das ja nicht erklären jedenfalls schon mal danke. Denk‘ nur nicht, Jugendliche würden sich deshalb so gerne auf die Rücklehnen von Parkbänken setzen,, weil sie meinen, uns damit provozieren zu können. Sie tun es, weil sie sich vor uns ekeln. Was in aller Welt will die Feuerwehr im Krematorium? Zuhause angekommen, hätte sich Z. ohrfeigen wollen, dass er seine Neugierde besiegt, den Löschzug unter Blaulicht und Sirene hatte abbiegen, die Männer das Gebäude stürmen lassen, während er seinen Weg fortsetzte. Nie würde würde sich Z. irgendwelchen Konventionen beugen.Wonach allem Z. nicht schon gesucht hat: Nach ZeitTropfen und LichtKristallen; nach SteinFett und KatzenGlas. Und nun lag sie plötzlich vor ihm: die Hose danach. Z. ist pleite. Er hat sich systematisch pleite gemacht. Das endlich zwing ihn, Stellung zu beziehen. zu sich und seinem Auftrag. Mehr noch: Weil ihm Konsum nicht mehr möglich ist, muss er vorhandene, materielle Werte vernichten, um diesem Auftrag Gestalt und Gewicht zu verleihen. Wenn er malt, muss er in Material schwelgen.Sein Esstisch wird ihm Palette, das teure Parkett Industrieboden. Papier verbraucht er gleich zentnerweise, um dann doch nur eine einzige Zeile gelten zu lassen. Zerstörerische Verschwendung zwingt ihn zur Askese. Zerstörung aus der Gewissheit seiner Unsterblichkeit. Nichts essen. Giftige Dämpfe einatmen. Rauchen und im Radio hören, wie einer russische Wissenschaftlerin Kaffee zu Mathematik gerinnt. Niemals den Pinsel auswaschen. Alles ruinieren beim Schaffen. Container füllen. Den Schmerz ignorieren im Gestaltungswahn. Die Tragödie des mit jeder Sekunde zunehmenden Individualwissens, das nolens-volens Hase&Igel laufen muss mit einer sieben milliardenfachen Ausbreitung des Akkumulationswissens, ist bei arglose Betrachtung nur die Konstante einer Dominanz von Quantität über Qualität; in schrecklichster Konsequenz jedoch die dem Individuum auferlegte Kapitulation vor dem dem einzelnen Äußerlichen, das Welt heißt. Oder Universum. Oder Geist.Oder G-tt. Und je mehr jedes dieser sieben Milliarden Individuen sich bemüht, dies ihm Äußerliche (diese Welt, diesen Geist, diesen G-tt) zu verstehen, desto schneller entfernt es sich von ihm, weil es zwar ständig sein qualitativ durchaus von anderen unterschiedenes Siebenmilliardstel zu diesem mit ins Unendliche tendierender Geschwindigkeit sich mehrenden Weltwissens beiträgt, jedoch niemals über dessen Gesamtheit tatsächlich verfügen kann, die sich mit unendlicher Beschleunigung von ihm entfernt. Und ein Weiteres macht das Dilemma perfekt: die individuelle, unentwegt sich verändernde Haltung jedes Einzelnen dieser sieben Milliarden Individuen diesem Kollektiv gegenüber, das sich mit jedem Mal diametral verändert, je nach dem, ob es gerade geliebt oder verachtet wird. In jeder Sekunde wird es neu gewusst, niemals jedoch erkannt, weil es sich jeder Verfügbarkeit entzieht. Hier ist das Ganze besonders sinnfällig mehr als die Summe seiner Teile, weil es sich von jedem der Teile zwangsläufig emanzipiert. Mit einer ins Absolute zunehmenden Geschwindigkeit. Es ist dies keine Bewegung in der Zeit, sondern eine Bewegung gegen sie, weil jeder Veränderung - und sei es auch nur am siebenmillardsten Teil - des in unendlicher Potenz sich ausdehnenden und allenfalls als hüllen- und grenzenlose Bewusstseinsspähre zu beschreibenden Prinzips das Prinzip an sich verändert. Gerade auch in der so genannten Vergangenheit. Denn das Gewesensein einer Sonne, die wegen ihrer Wärme geliebt wird, ist ein anderes als jenes, die wegen ihrer Hitze gehasst wird. Ihr historisches Motiv hat sich verändert. Ihre Intention. Ihr Mission, und damit auch ihre Substanz. Der zum Paulus konvertierte Saulus ist ein anderer als ein Sauls, der die Option wählte, Saulus zu bleiben. Und falls er sich Morgen doch dazu entscheiden sollte, Paulus zu werden, dann ist dieser historische Saulus ein Dritter. Substanziell. Wenn eine Straße, die zuvor über einen Pass führte, neuerdings durch einen Tunnel geleitet wird, ist diese - an den Entscheidungspunkt gelangte - Straße in ihrer Tendenz eine andere. Und alles, was sie bislang war, ist nicht nur anders. Es war anders. Die Kluge Else hatte ihr Leben lang Angst gehabt, die Balkonliege könne unter ihr zusammenbrechen. Z. nannte diese Angst unbegründet. Elses Angst neurotisch. So legte sich die Kluge Else in die erste Frühlingssonne und schloss die Augen. Eine hölzerne Querstrebe durchbohrte ihr das Herz, und bis spät in den Herbst hinein hackten Krähen an ihrem Kadaver. Nicht, dass Z. Angst gehabt hätte vor dem Tod oder vor dem Sterben. Wovor er sich allerdings ekelte, war die eigene Leiche. Die beiden schwarz gekleideten Männer vor dem Bankautomaten sahen aus wie gewöhnliche Vertreter. Doch draußen vor der Tür stand ein Leichenwagen. Dass Z. den größtmöglichen Abstand zu ihnen hielt, bis er an der Reihe war, war nicht Ausdruck von Diskretion sondern von Ekel. Als er Karte und Geld entnommen hatte und sich dem Ausgang zuwandte, steigt einer der Männer in den Wagen. Es war jener, der so aufdringlich nach Armani roch. Es geht mir gut, sagte. Z., und war froh darüber, dass niemand gefragt hatte, wie er sich fühle. „Ich schenke ihr zu ihrem Geburtstag ihrem Vater einen neuen Rasierpinsel“, sagte Z.s Partner zu dem Mann der Mutter seiner Tochter.